Anatole Ak

"Die kraftvollen, energetisch aufgeladenen Gemälde von Anatole Ak stehen zweifellos in der Tradition der 50er Jahre, in der Tradition von informellem und abstraktem Expressionismus, deren entscheidende Erkenntnisse bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Sie verfügen in der gestalterischen Autonomie über das wichtigste Kriterium einer meist nonfigurativen, ungegenständlichen Bildführung, deren Einfluß- und Beziehungsspektrum von den Erkentnissen des Abstrakten eines Kandinsky oder Mondrian bis zu Jackson Pollock, Rothko, Poliakoff und Mathieu reicht und im Einbezug von Art Brut und vergleichbarer Außenseiterkunst ein weiteres Spektrum authentischer zeichnerischer und malerischer Vorgangsweisen erschließt, wie dies bei den in den 40er Jahren von Appel, Alechinsky, Jorn oder Corneille gegründeten Cobra-Bewegung der Fall war. Aks Malerei ist jedoch eindeutig das emotional wie intellektuell ausgewogene Ergebnis einer künstlerischen Haltung, die die extrem pluralistische Malerei der 80er und 90er Jahre reflektiert und daraus ihr individuelles bildnerisches Fazit ableitet. "

(Peter Baum in "Earth Tales", Katalog Museum Modena, 1994)


"Ak hat in der vielleicht am meisten authentischen und verwurzelten kulturellen Identität der deutschsprachigen Welt den Leitfaden für neue poetische und stilistische Hypothesen gefunden. Es handelt sich um den Expressionismus einer historischen Matrix. Oder eher: Präziser noch ist es seine Art der Annäherung an die sensible Realität, die durch gefühlsefüllte Verinnerlichung, durch affektgeladene Fragestellungen, fantastisches Umherschweifen erreicht wird. Alles das bis zur Besessenheit. Aber besonders erkennt man eine vitalistische Komponente, energetisch, fähig zu einer nicht nur banal Auflösung erzeugenden Gewalt der Sprache, die das Klima der Art Autre und des Action Painting in den 50er Jahren in Umlauf gesetzt hat: Eine Komponente, die Ak beschlossen hat, nicht passiv wiederaufzubereiten, sondern zu nähren, mit einem ganz neuen Körper an dem Körper der Malerei, ihrer Materie, ihrer Gesten, ihrer Zeichen.

(Flaminio Gualdoni in "Earth Tales", Katalog Museum Modena, 1994)


"Seine aus der Distanz massiv und kräftig wirkenden Arbeiten präsentieren sich bei näherem Herantreten als zartest schwingende Gebilde. Speziell die großformatigen Werke des Künstlers locken den Betrachter nicht zum Herankommen, vielmehr schaffen sie vorsichtig eine Art abwartender Distanz, die zwar Annäherung zuläßt, allerdings nur unter der Bedingung sensibler Vorsicht..... Durch den malerischen Vorgang des Zudeckens, des Übermalens erarbeitet Anatole Ak den Aufbau einer Tiefenstaffelung in die Fläche hinein, wobei, vom Bildträger beginnend, jede Schichtung für den Betrachter nachvollziehbar gestaltet wird.... Durch die graphische Setzung des letzten Zeichens - für den Betrachter als erstes erkennbar - schließt sich der Entstehungsprozeß des Sichzusammenfügens: Er tritt nun aus der Fläche hervor..."

(Peter Assmann in "K 5", Katalog OÖ Landesgalerie 1992)


"Bei den jüngeren Werken des Künstlers läßt sich zusätzlich zu diesem Dialogaspekt noch eine spezielle Aufmerksamkeit auf den malerischen Schichtungsprozess erkennen. In einem beständigen Wechselprozess werden Farbschichten aufgetragen und an bestimmten Stellen immer wieder aufgerissen und abgetragen, um Darunterliegendes aufzuzeigen und für den Betrachterblick zugänglich zu machen. Gemeinsam mit dem Blick des Betrachters dringt so auch das Licht in die farbige "Landschaft" des Bildes, seinen Rissen, Sprüngen, Restspuren und Verdrängungen der Farbschichte auf den Bildträgern. Dieses Schürfen in der Farbvergangenheit intensiviert auch den Eindruck der zeitlichen Beweglichkeit jedes Bildwerkes....Wiederum erfolgt so der Hinweis auf das Prozesserlebnis Bild, diesmal in besonderer Weise auf die Spannung zwischen Künstler und Betrachter hinausgerichtet: Anatol Aks Bilder provozieren nie die Frage "Was hat denn der Künstler gemeint?", sondern suchen die direkte Konfrontation zwischen der Projektionsfläche des Bildes und der eigenen Erlebniswelt des Betrachters. Anatole Aks Bildwerke sind daher in diesem Sinne durchaus als offene und permanent auffordernde Dialogsituationspartner zu bezeichnen; Partner eines Dialoges, der mit Ahnungen und Gleichnissen eine beständige Annäherung an einen Begriff umfassender menschlicher Wahrheit sucht. Die zentrale Kategorie zur Erkenntnis dieser Wahrheit ist dem Künstler hier die Sinnlichkeit als umfassendes Welterfahrungssensorium des Menschen.

(Peter Assmann in "Assoziative Identity"; Katalog Galerie Pehböck, Perg; Galerie Schönberger, Landshut)


"Sein Begreifen der eigenen Arbeiten als "Stimmungsschatten" weist uns auf einen philosophischen Untergrund hin, in welchem er sich auch auf andere Weise verwurzelt fühlt. So wie in Platons Höhlengleichnis das vom Menschen Wahrnehmbare nur als Schatten, als Ab-Bild auf der Rückseite einer Höhle dargestellt wird und der Mensch keine Möglichkeit hat, sich umzudrehen und jene Gestalten im gleißenden Licht der Wahrheit zu erkennen, welche diese Schatten werfen, so benützt Anatole Ak das Licht seiner Kunst, um den Betrachter Ab-Bilder seiner Seele erkennen zu lassen."

(Manfred Stepany in "Innensichten Kopflasten", Katalog Galerie im Hofstöckl, Linz, 1987)


"Es ist die Geläufigkeit des 'Seins' und die Überschwenglichkeit der Geste, die Ordnung und die Unordnung; es ist die Bedeutungsschwangrigkeit, die Leibigkeit' und dem gegenüber das Winzige, das sich Zurückstellen. Es ist vielleicht manchmal/immer in den Arbeitsreihen, den Blättern, diesen Notaten, der inszenierte Augenblick in die Zukunft gedehnt. Es ist die Zeichnung der Augenblick im Zustand und der Zustand drängt sich auf. Der Augenblick von etwas."

(Peter Kraml in "Zeichenwetter", Katalog Posthof-Galerie, Linz, 1990)


"Das Vorkommen von Zeichen, der Ausdruck. Mit Schlingen und Strichen - eine Spur, mit Scheiben und Schleifen - ein Schema. Mit Ecken, Flecken und Zacken - ein einsames Muster, Geraden, Flecken und Lacken - eine feste Vorlage. Mit Spalten und deren Schatten die erste Gefahr. Ausbauend mit weichen Formen, spielerisch und dem Gefühl folgend - eine rare Aufzeichnung, mit Wegen, Straßen, Sprossen, mit Erhöhungen und gesenkten Lidern, mit Brücken, Lippen, Plätzen, sich schlingenden Flüssen und streichelnden Netzen eine Kartographie der Ahnung, das innere Gesicht."

(Aleksandar Urosevic in "Zwischen Welt", Katalog Galerie Zauner, Linz, 1991)



Lieber Anatole!
Ich schreibe Dir diesen Brief und freue mich über die Gelegenheit, dass sich durch die Eröffnung bei Pehböck wieder die Möglichkeit einer Begegnung ergibt. Man sieht sich so selten in letzter Zeit und ich denke gerne an die Treffen auf Deinem Bauernhof in Engerwitzdorf zurück. Der Brief gibt mir auch die Möglichkeit, mich für Deine vielen Briefe zu bedanken. Es sind immer schöne Zeichnungen mit kurzen Texten und man muss gut aufpassen, wo man sie hinlegt, weil sonst alles fett vom verwendeten Öl wird. Farbe - dabei als Material verstanden. Ich denke dabei an leuchtendes Gelb, an tiefes Blau, an feurig warmes Rot. Farbe ist das, was bei Dir zentimeterdick im Atelier an Wänden - vor allem aber am Boden - klebt, was man bei Dir zu Hause riecht, oft auch noch lange danach in der Galerie.

Dass Ölfarbe lange braucht um abzutrocknen, habe ich auch bei Dir gelernt. Ich weiß noch, als ich 1994 eine Ausstellung über öberösterreichische Maler in Brüssel machen konnte. Du hast das Projekt damals unterstützt mit einer Arbeit, die noch nicht ganz trocken war. Es entstand eine leichte Verletzung am Bild. Du hast jedoch gemeint, das könne passieren und sei nicht so schlimm. Ich habe das Bild kurz vor Weihnachten nach Jahren wieder gesehen und habe dabei die Spur dieser Verletzung gesucht. Jemand der es nicht weiß, wird es gar nicht bemerken - du hattest recht.

Weil ich gerade beim Thema Erinnerung bin. Ich habe mir überlegt, wann ich zum ersten Mal Werke von Dir gesehen habe. Es war dort, wo ich heute arbeite, in der Landesgalerie und zwar 1992. Ich habe mich damals gerade für die Kulturabteilung beworben und war in der Ausstellung von K 5, jener Gruppe, der Du gemeinsam mit Reinhold Rebhandl, Alexander Netusil, Oliver Dorfer und Robert Mittringer angehörst.
Übrigens gibt es da noch eine Fortsetzung? Auf jeden Fall war es eine Ausstellung, die mich sehr bewegt hat. Ich habe damals sehr intensiv Malerei erlebt. Malerei, die viel mit inneren Bildern zu tun hatte, mit der Expressivität und der Präsenz von subjektiver Autorschaft. Es war eine Malerei, die ich sehr beiendruckend empfand, sehr authentisch, sehr energetisch. Wenn ich mich an kronkrete Bilder von dir erinnere, so waren es geschlossene, blaue Formen - wie Organismen auf einen weißen Hintergrund gesetzt. Die Oberfläche selbst war plastisch ausgebildet. Ein richtiges Relief, das man optisch spüren konnte. Ich freue mich, dass ich Jahre später eines dieser Bilder, das glaube ich auch für dich biografisch wichtig war, für das Land kaufen konnte. Es ist Zeugnis für ein Stück Malerei in der oberösterreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts, das - und davon bin ich überzeugt - auch künftig halten wird.

Ich empfinde Deine Arbeit als sehr charakteristisch für Malerei, weil sie zeigt, welche Möglichkeiten in der Malerei stecken, wenn man sie als ein klassisches System versteht, in dem persönlicher Stil, Expressivität des Ausdrucks, formale Kompositionsanliegen eine Rolle spielen.

Eine Malerei, die absolut mit Deiner Person verbunden ist, die an dem interessiert ist, was das 20. Jahrhundert als die Schaffung einer bildimmanenten Wirklichkeit zu bezeichnen suchte. Es ist Malerei, die auf ein Bildfeld konzentriert. Malerei, die im besten Sinne nach "guten Bilden" ausgerichtet ist.

Ich glaube, es stört Dich nicht, dass aktuelle Trends eventuell nach Konzepten ausgerichtet sind. Die aktuelle Realismusdebatte scheint jedoch auch nicht wichtig zu sein. Ich glaube, Du warst nie ein Künstler, der versucht hat, Trends nachzujagen, oder bereit war, die Konsequenz einer künstlerischen Position durch ein Kokettieren mit modernen Strömungen aufzugeben.

Vielleicht wird Deine Kunst auch deshalb so geschätzt, weil sie absolut aus Dir herauskommt. Jedes Bild ist ein Teil von Dir.

In diesem Sinne wünsche ich Dir für die Ausstellung bei Pehböck alles Gute und viel Erfolg.
Liebe Grüße
Martin

Dr. Martin Hochleitner, Leiter der OÖ Landesgalerie anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Galerie Pehböck am 7.3.2003.


Malerei als Ausbreitung und Einschnitt – zu den jüngsten Werken von Anatole Ak


Nur wenige Künstler, die ihre Bildkunst im Umfeld der internationalen Bewegung der sogenannten „Neuen Wilden” in den 1980er Jahren entwickelt haben, haben sich in so konsequenter Weise einer dezidiert malerischen Position verschrieben wie Anatole Ak. Malerei ist ihm - bei aller Wildheit in der formalen Gestaltung - primär eine Frage der Farbausdehnung, der Flächenschichtung differenziert gesetzter Farbpartien: Durch ein stets in möglichst direkter, spontaner Weise vorangetriebenes Ausbreiten von Farbschichten - einem gleichsam „Hineintauchen” in die Farbmasse, also einem absoluten Bekenntnis zum „Material” Farbe - gestaltet der Künstler weit ausgreifende Farbräume, die zunächst dem Betrachter mit einem direkten, zumeist an einer Grundfarbe orientierten Farbsignal konfrontieren – bei näherer Betrachtung aber ein höchst sensibel ausdifferenziertes Schattieren unterschiedlichster chromatischer Abstufungen erkennen lassen.
Einmal mehr eröffnet sich hier durch eine sensible Setzung von ineinander geschichteten Farbtönen eine Raumerfahrung, die weder speziell physikalisch, noch allgemein intellektuell, sondern ausschließlich mit den Mitteln der Malerei formuliert und durch einen sensitiv verfeinerten Betrachterblick wahrgenommen werden kann. Es sind Farbräume in einer Weiten- und Tiefenausdehnung, die nicht messbar sind, die einerseits ein in massivster Weise appellativ wirksames Signal, andererseits behutsam vordringende Erfahrungsräume markieren.

In diese aufgebauten Farbwelten setzt der Künstler graphische „Schnitte” - seine Linien „schneiden” gleichsam die aufgebauten Farbflächen auf. Sie differenzieren nochmals weiter den aufgebauten Farbkosmos – und sie geben auch formale Signale, die konkrete Assoziationen beim Betrachter hervorrufen können. Zumeist werden solchermaßen - allerdings in sehr zurückhaltender Weise - Naturerfahrungen, Landschaftliches, Botanisches oder auch zarte Tierformen angedeutet. Die Setzung dieser Formen erfolgt jedoch so schwebend, dass durch sie noch ein zusätzlicher Zwischenraum geöffnet wird.

Anatole Ak hat nach einer konsequent verfolgten, künstlerisch sehr klar positionierten Arbeit eine beeindruckende Souveränität im malerisch-graphischen Zugriff auf jene Erfahrungsräume erreicht, die nur dem permanent forschenden malerischen Vorgehen möglich sind. Der Betrachter kann sich gleichsam auf die Fersen des Künstlers heften und Farbräume durchwandern, wie sie nur mit den fälschlicherweise so traditionell anmutenden Möglichkeiten der klassischen Malerei in Öl auf Leinwand möglich gemacht werden.

„Malen ist für mich weder dekorative Unterhaltung, noch gestaltendes Erfinden einer empfundenen Wirklichkeit; es muss jedes Mal Erfindung, Entdeckung, Offenbarung sein.” (Max Ernst)

Anatole Ak ermöglicht dem Betrachter seiner Bildwerke Entdeckungsreisen in eine Farbwelt, die stets von neuem in ihrer eigenständigen Farbkraft frappiert und sich als unsere Alltagswelt ergänzender, beständig neu zu entdeckender Kosmos vorstellt.

Peter Assmann, Mag. Dr. Dir. Der OÖ Landesmuseen


Laudatio zur Eröffnung der Ausstellung:
Anatol Ak in der Galerie Schönberger am 2.Juli 2004, 19:30
Einen schönen guten Abend.
Vor uns liegt das Werk von Anatol Ak. Ich würde sogar sagen: Breit liegt es vor uns, das Werk von Anatol Ak. Denn es ist ein ganz und gar malerisches Werk, das der Österreicher über seine Leinwand legt.
Und das ist heute längst nicht mehr selbstverständlich: dass ein Künstler alles das, was er sagen will, was er formulieren möchte, was er auszusagen hat, in zwei Dinge fassen kann: in die Farne an sich und in ihren Auftrag als materielle Struktur.
Über viele Jahre war in Landshut zu verfolgen, wie Anatol Ak sich entwickelt. Ich habe heute zum vierten Mal mit seinen Bildern zu tun, das erste Mal liegt gut zehn Jahre zurück. Immer wieder war Karl Schönberger mit von der Partie und die Tatsache, dass er den Anlauf der „Galerie in Bewegung” wieder mit Anatol Ak startet, kann als Bekenntnis, als Treuebekenntnis zum abstrakten Expressionismus gewertet werden, der von jeher im Fokus seiner Ausstellungstätigkeit lag.
Ich erzähle ihnen jetzt aber nicht viel über den abstrakten Expressionismus, über die Kunstgeschichte der Jahre seit dem zweiten Weltkrieg. Davon, dass er nicht nur die erste wirklich internationale Kunstform war, schließlich umfasste er Europa, die USA und selbst Japan, und davon, dass er auch Plattform war für ganz viele verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten, die sich nicht auf Vernunft und Systematik gründen, sondern auf Gefühl und Spontanität.
„Befreiung der ungehemmt strömenden Farbe von den doktrinären Formgesetzen” forderte Karl Ruhrberg schon in seinen Anfangsjahren. Seit damals ist viel Zeit vergangen und viel Strömungen, die darauf aufgebaut haben, sind an uns vorübergegangen und auch an Anatol Ak, ohne dass er eine unmittelbare Verbindung mit der italienischen Transavanguardia oder der deutschen „heftigen Malerei” und noch weniger mit dem amerikanischen „Bad Painting” oder der „New Narrativity” eingegangen wäre.
Nein, Anatol Aks Werk möchte ich nicht einfach mit Einordnen beikommen, dazu ist er auch viel zu sehr ein Einzelgänger und Sonderling. Denn viel mehr als zu wissenschaftlicher Auseinandersetzung laden seine Bilder zum Schwelgen ein.
Erzählen wollen sie uns nichts, das haben den gemalten Bildern längst die bewegten Bilder abgenommen, der Film der als die Kunstform des 20. Jahrhunderts gilt. So geht es dem Linzer Künstler auch nicht um die Dokumentation, sondern um die Schaffung einer neuen Wirklichkeit.
Freilich, seine neuen Bilder tragen einen Titel. Einen Sammeltitel, der zugleich Name des neuen Katalogs ist. Styx nennt er ihn, dahinter ein Fragezeichen. Styx – vielleicht. In der griechischen Mythologie, sie wissen das, ist Styx der Fluss durch die Unterwelt, schöne und grausige Geschichten spielen an seinen Gestaden. Und wenn wir uns das immer wiederkehrende Bootsmotiv, das spindelförmige Kürzel in den Bildern anschauen, haben wir noch einen konkreten Grund an dieses dunkle Wasser zu denken. Doch viel mehr als dass wir uns in die griechische Mythologie versenken, treiben doch unsere Gedanken mit dem Fluss dahin.
Deshalb möchte ich heute mit ihnen auch nicht über die Malerei sprechen, sondern über das Fremdgehen.
Die Bilder laden uns ein fremdzugehen, mit unserer Phantasie in Gefilde zu ziehen, die vielleicht sonst tief verborgen sind in unserem Inneren. Sie ermöglichen uns, dass wir tief hineinreisen in die Gestade des Unterbewusstseins. Die Fluten des Styx dienen dabei nur als materielle Auslöser für eine gedankliche Reise in unsere eigene Unterwelt.
Das Bewusstsein bremst gerne Gedanken aus, die in unserer Gesellschaft nicht opportun sind. Es ist ein starker Filter. Die Maschen in diesem Sieb können aber durchaus gedehnt werden, kurzfristig, durch extreme Stimmungen wie Wut, durch Alkohol, durch chemische Substanzen, durch eine Mischung aus allem. Anatol Aks Bilder weiten unsere Phantasie und lassen uns Träume träumen und Dinge denken, die wir uns sonst vielleicht nicht trauen; ohne Aggression, ohne Promille und ohne Nebenwirkungen.
Natürlich tut Anatol Ak das seinige, um unsere Sehnsucht ziehen zu lassen: Zwei Dinge hat er dafür zur Verfügung: Seine Farben selbst und die Leidenschaft ihres Auftrags. Ein Rot zwischen hell glühender Lava und tiefrotem Stierblut, auch einmal ins undurchsichtige Schwarz überwechselnd. Und einen lebendigen leidenschaftlichen Auftrag, der nichts Steriles hat, sondern Lebensspuren gleicht. Altem Holz, einer Bank vielleicht, in die Generationen von Verliebten schon ihre Initialen hineingeschnitzt haben oder der Wand einer Kammer, die – zigmal überstrichen – doch schon tausend Nächte mit all ihrem Schlaf und mit all ihren Leidenschaften erlebt hat.
Auch im Auftrag also: Die Tiefe, das Aufblitzen des Darunter, des Verborgenen, bisweilen Einblicke unter die Haut, wo sie durchbrochen, aufgerissen, zerkratzt ist.
Doppelt ziehen uns die Bilder hinab in den Strudel des Verborgenen und wenn wir das Wehklagen des Orpheus darin hören, dann landen wir bei unseren eigenen Schmerzen. Und wenn wir es unter der bewegten Oberfläche der Bilder brodeln sehen, dann fällt uns – vielleicht – Georges Bataille ein. Der beschreibt in seinem „obszönen Werk” das weibliche Geschlecht als „die sumpfigen Regionen, denen allenfalls die Tage des Hochwassers und der Gewittergüsse oder die erstickenden Emanationen der Vulkane gleichkommen und die, wie Gewitter und Vulkane, nicht anders als mit verheerender Gewalt zu brodeln beginnen...”
So verbergen sich Welten hinter der Metaphorik Anatol Aks.
Vor uns liegt das Werk von Anatol Ak. Ich würde sogar sagen: Breit liegt es vor uns. Und in seiner ganzen Breite lädt es uns ein, einen Blick in verborgene, geheimnisvolle Tiefen zu tun. Gehen wir also fremd.

Anke Humpeneder, Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin, Landshut/München, D


„Die Kunst ist eine Harmonie...”
Über die neueren Arbeiten des Anatole Ak

„Die Kunst ist eine Harmonie, die parallel zur Natur läuft.”, stellte Paul Cézanne (1839-1906) vor etwa hundert Jahren fest. Von Farbharmonien, die parallel zur Natur entstehen, jedoch nicht als deren Übersetzung zu verstehen sind, künden auch die Werke Anatole Aks. Er selbst bezeichnet seine Arbeiten als „Brain – Fields” und breitet somit Ge- und Erdachtes in farbigen Gestaltungen auf der Leinwand aus.
Anatole Ak, geb. 1956 in Linz, studierte 1976-80 am Mozarteum in Salzburg. Seit mehr als 25 Jahren ist er als Künstler tätig. Seine Ausstellungstätigkeit umfasst wichtige Museen und Galerien im In- und Ausland (u. a. Linz und Umgebung, Wien, Villach, Salzburg, Museen in Deutschland, Ungarn, in der Schweiz, in Frankreich, in den USA und in Kanada.)
Eine Anbindung von Aks Arbeiten an den chronologischen Faden der Kunstgeschiche könnte in das 15. und 16. Jahrhundert führen. In Italien herrscht zu dieser Zeit ein Disput unter Künstlern und Kunstgelehrten. Auf der einen Seite die Malschule der Toskana (Leonardo da Vinci, Piero della Francesca, Paolo Uccello, Michelangelo...), die auf den „disegno” – die Zeichnung (auch Vorzeichnung) größten Wert legen. Der schöpferische Akt – die „inventio” vollzieht sich demnach auf den Skizzen, Studien, Entwürfen und sog. bozetti, bevor überhaupt an eine Ausführung auf der Leinwand gedacht werden kann. Ganz anderer Meinung sind die Maler der Serenissima, der Republik Venedig, zu denen wir u. a. Gentile und Giovanni Bellini, Giorgione, Tizian, Tintoretto und Veronese zählen. Dort wird direkt auf die Leinwand gemalt – ohne langatmige Zeichnungen im Vorfeld, denn nach Ansicht der Venezianer generiert die Farbe das Bild. Ein jahrhundertelang währender Streit entspinnt sich mit der Fragestellung: Was ist wichtiger – die Farbe oder die Linie? Noch zur Zeit des Peter Paul Rubens (1577-1640) wird heftig diskutiert, wobei Rubens natürlich ein Anhänger des Kolorismus ist – wie auch Anatole Ak.

Die Farbe ist Werkstoff, Materie und formbares Element. Gleichsam wie ein Bildhauer geht der Künstler damit um. Die Farbe quillt eruptiv hervor, Ak baut Berge auf und ebnet Trockentäler ein. Sie visualisieren Landschaften: innere Landschaftsbilder, die von Geist und Emotion des Künstlers erzählen.
Maler wie Anatole Ak ringen mit dem, was sie an Gedanken und Empfindungen in sich haben. Es brodelt in ihnen, wie in einem Vulkan, der vor seinem Ausbruch steht.
Künstler sein, ist ein schwerer Beruf. Anatole Ak arbeitet bis spät in die Nacht. Manchmal steht er mitten in der Nacht auf, um sich seiner Gedanken und Emotionen kreativ zu entledigen; um sie für uns und die Nachwelt in malerische Werte zu transformieren.
Er kämpft mit der Leinwand, er ringt um den adäquaten Ausdruck. Das hat nichts mit der „holden Kunst” zu tun, nichts mit Schöngeistigkeit, sondern mit dem Essentiellen, mit dem Leben an sich.
Wir, die Betrachter, sind mitten im Bild, denn die Bilder sind größer als wir selbst. Die Bilder sind als Environment aufzufassen, als unsere Umgebung. Sie fordern unsere ganze Empathie. Sie fordern uns heraus, sie suchen den Dialog mit uns, keiner bleibt vor diesen Werken unberührt, denn sie haben mit uns zu tun.
Ak arbeitet seriell. Das hängt damit zusammen, dass er an mehreren Bildern gleichzeitig arbeitet, von einem Bild zum nächsten wandert. Er arbeitet stundenlang, an keine Uhrzeit gebunden.

Jede Kunst ist eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. „Die Kunst steckt in der Natur, wer sie herausreißen kann, der hat sie”, stellte schon Albrecht Dürer vor etwa 500 Jahren fest. Und Paul Cézanne antwortet: „Die Kunst ist eine Harmonie, die parallel zur Natur verläuft.” Denn ein Übertragen von Natur zur Kunst im Sinne einer 1: 1 – Reproduktion ist niemals möglich. Allein die Transformation eines dreidimensionalen Geschehens auf den zweidimensionalen Bildträger erfordert ein hohes Abstraktionsvermögen. Anatole Ak reagiert bewusst und zu einem großen Teil unbewusst auf das, was er sieht, was er spürt und was er erlebt. Er reagiert auf die Zeit, in der wir leben.
Was ist das für eine Zeit?
Es ist eine Zeit des Umbruchs, der globalen Veränderungen. Alte Strukturen lösen sich auf, neue zeichnen sich bereits ab. In unsere unmittelbare Vergangenheit fällt der Papstwechsel, der Tod des Fürsten Rainier III. und gravierende Veränderungen in der Parteienlandschaft Österreichs. Die Natur spielt verrückt, Seebeben stürzen Menschenmassen in den Tod. Prognosen künden von einem Klimawandel mit fatalen Folgen.

Die Transitorik – der Wandel – ist das große Thema in Anatole Aks zeitgenössischen Bildern. Die Farbe Orange – besonders dominant in Aks großformatigen Gemälden – ist eine Farbe des Übergangs. Orange befindet sich in einem chromatischen Zwiespalt, in einem ständigen Changieren zwischen zwei Farbpolen (Rot und Gelb). Dadurch wird eine enorme Spannung aufgebaut, die in der Dichte ihres Ausdrucks direkt mit dem Betrachter in Kontakt tritt. Die Linien in Aks Bildern sind häufig, kantig, spitz zulaufend, eckig und expressiv deformiert. Wie Netze spannen sich diese farbigen Aktionsgebärden über den orange-rot-farbenen Grund. Alles wird aufgebrochen durch diese Linearität. Bei näherem Betrachten offenbaren sich räumliche Dimensionen, in die wir eintauchen können.
Nichts Sprachliches manifestiert sich im Bild. Das Bild ist jenseits aller Verbalisierungen. Es führt uns in eine Welt jenseits der Schriftlichkeit, in eine Welt der kompakten Zeichen, der Chiffren, die etwas zu Bezeichnendes möglichst griffig ausdrücken können ohne das Alphabet einzusetzen. Ein Komplementärkontrast in Form von blauen Einsprengseln leuchtet dort und da – wie Irrlichter auf und schafft kompositorische Stabilität.

Stilistische Einordnung
Schlagworte wie Informell, abstrakter Expressionismus und gegenstandslose Malerei sind zweckmäßig und zielführend. Eine Tendenz, die auf die vierziger und fünfziger Jahre zurückgeht und ihre wichtigen Vertreter u. a. in der COBRA-Gruppe hat (Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam: Asger Jorn, Karel Appel, Corneille, Pierre Alechinsky), passt gut in den Kontext dieser Malerei.
Aber – darüber hinaus zeigt sich in diesen Bildern noch viel mehr – eine kontinuierliche künstlerische Weiterentwicklung seit den späten siebziger Jahren – zu einem ausgereiften Personalstil.
Anfangs sehr gegenständlich – in der Manier der Neuen Wilden arbeitend – bevorzugte Anatole Ak große Leinwände, viele Farben und große Formen.
Im Laufe der Zeit sagte ihm die abstrakte Kunst eher zu, denn dadurch konnte er ursprünglicher auf das eingehen, was ihn unmittelbar bewegt. Die Farbe als Folie des Emotionalen, in die die Linie als kritisch-intellektuelle Instanz – einem Messer gleich – scharf eindringt. Abstrakt deshalb, weil ungegenständliche Kunst die vorgefasste Begrifflichkeit meidet. Ak bannt auf die Leinwand nicht nur das, was er benennen kann, sondern auch das Nonverbale und somit Phänomene, die sich für ihn zunächst noch nicht in Worte kleiden lassen. Er stellt das vage Gefühl, die unbestimmte Emotion dar, ohne sie im gleichen Atemzug verstehen, benennen und interpretieren zu wollen. Es ist eine Kunst, die uns aus diesem Grunde so stark anspricht, weil in ihr etwas Unaussprechliches und Magisches in einem ist.
Es ist eine Kunst, die im Moment des visuellen Erfassens nicht sofort interpretiert. Die Deutung - im Sinne einer Umsetzung in eine sprachliche Begrifflichkeit - liegt beim einzelnen Betrachter.

Die Interpretation
Interpretieren ist die notwendige Konsequenz jeglicher Auseinandersetzung mit Kunst. Diese schwierige Aufgabe nimmt uns der Künstler nicht ab. In der kunstgeschichtlichen Terminologie sprechen wir vom sog. „Nachschöpferischen Akt”, der ebenso anstrengend sein kann wie der schöpferische, aber uns um einige wichtige Erkenntnisse reicher macht.
Mit seinen Bildern setzt Ak unterschiedlichen medialen Erscheinungen unserer Zeit einen zeitgenössischen künstlerischen Ausdruck entgegen, der die Wirklichkeit, in der wir leben zum Thema hat und uns durch Anschauung völlig neue Welten auftun kann.
Ak nennt diese Serie „Brain-Fields”. Seine Bilder sind – nach seiner Aussage wie gefüllte Dateiordner unseres Computers. Seine Gemälde bestehen manchmal aus 7 – 8 Schichten – und aus vielen Geschichten, die sich auf der Leinwand akkumulieren – zu einem dichten Ausdruck verschmelzen und uns durch seinen pastosen Farbauftrag dreidimensional entgegentreten.
Brain-Fields – auf das plane Feld der Leinwand ausgebreitet – sind polychrome Materialisierungen aus Inspiration, Intuition und Imagination.

Dr. Brigitte Reutner, Museum Lentos Linz, April 2005


HINTERWELTWELT
Anatole Ak, geb. 1956 in Linz, studierte 1976-80 am Mozarteum in Salzburg. Seit mehr als 25 Jahren ist er als Künstler tätig. Seine Ausstellungstätigkeit umfasst wichtige Museen und Galerien im In- und Ausland (u. a. Linz und Umgebung, Wien, Villach, Salzburg, Museen in Deutschland, Ungarn, in der Schweiz, in Frankreich, Italien, Türkei, in den USA und in Kanada.)
Hinterweltwelt – dieser vom Künstler gewählte Titel impliziert einen Blick hinter die Kulissen der tagtäglich gelebten Realität. Der Künstler auf der Suche nach einer transzendenten Wahrheit, auf der Suche nach dem Urmythos und der allem zugrunde liegenden Wahrheit.
Welterklärungsmodelle gibt es wohl, seit der Mensch denken kann. Doch speziell ab der Zeit der Aufklärung setzte eine mit wissenschaftlicher Akribie betriebene Suche nach der Weisheit letztem Schluss ein, die zu der seit einiger Zeit widerlegten Annahme führte, letztendlich alles erklären zu können.
Um eine Idee vom positivistischen Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts zu geben, möchte ich Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt” zitieren.
Kehlmann berichtet darin von dem deutschen Naturforscher und Geografen Alexander von Humboldt und dem Mathematiker Carl Friedrich Gauss. Beide versuchen die Rätsel der Welt zu entwirren, „um dem Leben auf die Schliche zu kommen.”
Humboldt öffnete zum erstenmal weit die Augen. Einer dieser im schwarzen Äther schwimmenden Körper sei die Erde. Ein Feuerkern, umschlossen von einer starren, einer tropfbar flüssigen und einer elastisch flüssigen Hülle, welche alle drei dem Leben Heimat böten. Selbst in unterirdischen Tiefen habe er lichtlos wucherndes Pflanzenzeug gefunden.
Dem Feuerkern der Erde dienten die Vulkane als natürliche Ventile, die steinerne Kruste wiederum sei von zwei Meeren bedeckt, einem aus Wasser und einem aus Luft.1
[...]
Humboldt legte den Kopf in den Nacken und schien den eigenen Worten nachzuhorchen. Das Verständnis des Kosmos sei weit fortgeschritten. Mit Fernrohren erkunde man das Universum, man kenne den Aufbau der Erde, ihr Gewicht und ihre Bahn, habe die Geschwindigkeit des Lichtes bestimmt, verstehe die Ströme des Meeres und die Bedingungen des Lebens, und bald werde man das letzte Rätsel, die Kraft der Magneten, gelöst haben. Das Ende des Weges sei in Sicht, die Vermessung der Welt fast abgeschlossen. Der Kosmos werde ein begriffener sein, alle Schwierigkeiten menschlichen Anfangs, wie Angst, Krieg und Ausbeutung, würden in die Vergangenheit sinken, wozu gerade Deutschland und nicht zuletzt die Forscher dieser Versammlung den vordringlichsten Beitrag leisten müssten. Die Wissenschaft werde ein Zeitalter der Wohlfahrt herbeiführen, und wer könne wissen, ob sie nicht eines Tages sogar das Problem des Todes lösen werde.2
1 Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt, Reinbek 2005, S. 236-238
2 wie Anm. 1

Empirismus und Rationalismus als die positiven Ergebnisse der Aufklärung haben die ungeheuren Fortschritte auf allen Gebieten der Wissenschaft und in ihrer Folge der Technik seit dem 19. Jahrhundert ermöglicht. Experiment, Beobachtung und Statistik, streng logische Auswertungen und auf Grund denkerischer Überlegungen neue Experimentierreihen haben sich als Methoden der Forschung durchgesetzt.
In dem gleichen Maße aber, wie sich die Wissenschaft im 19. Jh. der Erforschung der sichtbaren Natur und ihrer Gesetze widmete, erfolgte in einem bisher nicht gekannten Ausmaß auch eine Auseinandersetzung mit den irrationalen Seiten der menschlichen Natur. Über Lavaters physiognomische Studien, Carl Gustav Carus „Symbolik der menschlichen Gestalt” u. a. führten die Forschungen zu der Erkenntnis, dass die Seele des Individuums sich in Mimik, Haltung, Schritt und Gestik Ausdruckssymbole schaffe, durch die sie anschaubar und erkennbar wird. Der Forschungskomplex gipfelte in Sigmund Freuds Psychoanalyse, mit der sich der Begriff des Unbewussten in der Psychologie durchsetzte. Traumerlebnisse wurden als Teilaspekte der Wirklichkeit anerkannt. In der Märchen- und Mythenforschung wurden Grundsituationen seelischer Bereiche aufgedeckt. Kurz – auch nicht Sichtbares, wie Gefühle und Träume, wurde als Teil unserer Realität anerkannt.
Und – jetzt kommen wir in unsere Gegenwart – das Bedürfnis des Menschen nach Fiktion, nach Geschichten, Erlebnissen, Handlungsbögen verstummt nicht. Je härter die uns umgebende Realität, die Welt der Daten und Fakten, der Technik- und Fortschrittsglaube wird, desto mehr suchen wir uns zum Ausgleich Bilder, die uns in eine Art Gegenrealität versetzen, ansonsten wären wir alle heute Abend nicht hier.
Für Anatole Ak existiert parallel zu seinem Alltag als Lehrer am Aloisianum eine stark schöpferische, aktiv gestalterische Gegenwelt, die manuell Intellektuelles und v. a. Emotionales umsetzt, als kraftvolle Farbexplosionen auf Leinwand oder Papier manifestiert.
Die Kunst des Anatole Ak ist geprägt von einem Ringen nach dem adäquaten Ausdruck.
Wir sind voller Sinneseindrücke, konkreter oder vager Wahrnehmungen, mit denen wir Tag für Tag und gleichwohl Nacht für Nacht in unseren Träumen konfrontiert werden. Bei Anatole Ak suchen diese Sinnenseindrücke ein gestalterisches Pendant.
Es ist ihm ein Bedürfnis zu malen.
Seine Reisemalausrüstung bezeichnet er als Notkoffer.
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Seine Bilder zeugen von der eruptiven Kraft in gestalterische Bahnen gelenkter Emotionen.
Die Bilder sind jedoch nicht ornamentaler Selbstzweck. Was zum Ausdruck kommt, sind nicht freischwelgende Gefühlszustände oder Einstellungen, sondern es ist eine emotionale Bedeutung, d. h. ein Stück Welt, demgegenüber eine bestimmte Haltung eingenommen wird.
Während Form allgemein als „äußere Erscheinung der Dinge” bezeichnet wird, kommt bei Ak die dynamische Ausdeutung des Begriffs zum Tragen, wonach Form „eine Manifestation von Kräften” bedeutet. (R. Arnheim)
Ak sieht das Kunstwerk als Sinneserlebnis und Seelenspiegel gleichermaßen, im Sinne einer Gestalt höchster Stufe, deren emotiver Charakter denjenigen des literarischen bei weitem übersteigt.
Die Repräsentation des von ihm Geschauten verdichtet sich in fein nuancierte, gleichwohl kräftige Farbräume mit sparsam gesetzten grafischen Kürzeln, die ihre Prägnanz durch ihre lapidare Schlichtheit gewinnen. Auch dabei versucht er die kognitiven Kräfte im Zaum zu halten, indem er z. B. Monotypien als Blindgestaltungen realisiert und diese sodann über seine Grafiken legt.
Die grafischen Kürzel sind häufig das definierende Was, vor einem eruptiven, farblichen Stimmungsspiegel. Aks Gemälde sind von einem spannungsgeladenen, farblichen Allzusammenhang gekennzeichnet, der in einem zweiten Schritt relativiert wird. Nämlich dann, wenn der Künstler die Farbschichten aufritzt, mit dem Pinselstiel oder einem kleinen Rechen bearbeitet. Die grafischen Kürzel verleihen dem allumfassenden Farbenklang Halt und Festigkeit.
Es geht um Farbraumklänge, um introspektive mehrdimensionale Farbwelten, fernab unserer tagtäglich geschauten Realität.
Welche Referenzen an die Wirklichkeit erkennen wir nun in Anatole Aks Arbeiten? Was ist sinnstiftend, was will er uns mitteilen?
Man könnte seine Arbeiten als kosmologisch bezeichnen, gerade wenn der Künstler selbst den Ausstellungstitel „Hinterweltwelt” vorschlägt.
Eine Fülle unterschiedlicher Sphären holt er mit seinen Bildern in unsere Realität herein, obwohl er selbst mit sehr viel „Bodenhaftung” ausgestattet ist. Er vergleicht seinen Schaffensprozess mit demjenigen eines Bauern, der seine Äcker bestellt, was ihm vielleicht das ländliche Umfeld seiner Wahlheimat impliziert.

3 Naso, Publius Ovidius: Metamorphoses, I,5-20
4 Van Gogh, Vincent: Feuer der Seele, 5. Aufl., Frankfurt 2003, S. 108
Ak hat eine sinnliche Freude an der farblichen Gestaltung, die sich verkrustet, die sich schichtet, die taktile Qualitäten aufweist, die sich zu Klümpchen formt oder in dünnflüssigen Schlieren langsam über die Leinwand wabert.
Es ist ihm ein großer Genuss zu sehen, wie Farben aufeinander reagieren, wie sie sich koindizieren und die weiße, unbefleckte Leinwand mit einem neu erschaffenden Stück Realität überziehen.
Dabei wird der Künstler zu einem Schöpfer, zu demjenigen, der sein kleines Universum an Gemaltem selbst bestimmt und realisiert.
In Anbetracht seiner Gemälde, die hinter die Welt blicken, tut sich parallel dazu ein Schöpfermythos auf, der seine literarische Vorlage in Ovids Metamorphosen finden könnte:
Das Chaos
Vor dem Meere, dem Land und dem alles deckenden Himmel
zeigte Natur in der ganzen Welt ein einziges Antlitz.
Chaos ward es benannt: eine rohe, gestaltlose Masse,
nichts als träges Gewicht und, uneins untereinander,
Keime der Dinge, zusammengehäuft in wirrem Gemenge.
[...]
Und, wenn Erde darin auch enthalten und Wasser und Luft, so
War doch die Erde nicht fest und war das Wasser nicht flüssig,
fehlte der Luft das Licht. Seine Form blieb keinem erhalten:
Eines stand dem Andern im Weg, denn in ein und demselben
Körper lagen das Warme und das Kalte, das Trockene und Feuchte,
Weiches und Hartes im Zwist und Schwereloses mit Schwerem.3
Es sind von Ak geschaute Bilder, die viel mit Farbenklang und dynamischer Komposition zu tun haben. Die psychologischen Kräfte, die die künstlerische Form bestimmen, wirken ebenso wesentlich im Wahrnehmungsprozess, den der Betrachter/die Betrachterin vollzieht. Um die Bilder Anatole Aks zu verstehen, gilt es, auch einen berühmten Wegbereiter der Moderne sprechen zu lassen:
[…] allein, getreu nach der Natur zu arbeiten, und zwar mit Hartnäckigkeit, das ist, scheint mir, ein sicherer Weg, der nicht ins Wasser führen kann. Das Gefühl und die Liebe zur Natur finden früher oder später bei Menschen, die sich für Kunst interessieren, immer Anklang. Es ist die Pflicht des Malers, sich ganz in die Natur zu vertiefen und seine ganze Intelligenz zu gebrauchen, um sein Gefühl in seine Arbeit hineinzulegen, so daß sie für andere verständlich wird.4
Was Vincent van Gogh und Anatole Ak verbindet sind das Feuer der Seele, die absolute Hingabe an die Malerei, das Bedürfnis, sein ganzes Gefühl in die Arbeit zu legen, um die Sehnsucht der Menschen nach Bildern zu stillen.

Dr. Brigitte Reutner, Museum Lentos Linz

Brigitte Reutner
Lost Leaves

Anatole Ak, geb. 1956 in Linz, studierte 1976-80 am Mozarteum in Salzburg. Seit mehr als 25 Jahren ist er als Künstler tätig. Seine Ausstellungstätigkeit umfasst wichtige Museen und Galerien im In- und Ausland (u. a. Linz und Umgebung, Wien, Villach, Salzburg, Museen in Deutschland, Ungarn, in der Schweiz, in Frankreich, Italien, Türkei, in den USA und in Kanada.)


Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und seine Augen sind erloschen. A. Einstein, 1930

Wenn wir uns mit der Bildwelt Anatole Aks befassen, finden wir uns bei einem Teil der Serie „Lost Leaves” in visionären Landschaftsräumen wieder. Das Licht schafft darin ganz eigene Farbstimmungen. In intensive Farbräume sind häufig wiederkehrende Bildmotive als Kürzel und Chiffren eingebettet. Dazu gehören u.a. lanzettförmige Gebilde, die sich dynamisch nach zwei Seiten zuspitzen und mehrfach konnotiert sind. Einmal können sie Zypressen visualisieren, das andere Mal – horizontal ausgerichtet - Augen.
In Aks Werken ist der Mensch zumeist ausgespart, er ist aber dennoch immer in Form von Zeichen präsent. Antoni Tàpies sieht den Menschen „als Teil des Universums, der die gleiche Natur hat wie die Sterne, ein Stück Papier oder ein Blatt eines Baumes”. Ak verwendet gleichfalls sog. „Hieroglyphen”, symbolische Verdichtungen und Reduktionen, sodass der Mensch in seinen Bildern nicht präsent ist, jedoch durch die Darstellung z. B. eines Auges indirekt beschworen wird.

Durch den geschickten Einsatz von Schablonen wirken die Palmen – eine weitere mehrfach verwendete Formgelegenheit – teilweise transparent, d. h. der Umraum hüllt sich ins Dunkel, die Motive selbst haben die Farbigkeit des Bildraumes. Figur und Grund gehen eine wechselseitige, spannungssteigernde Beziehung ein. Der „durchleuchtete” Baum seinerseits fördert den Eindruck des Visionären, des Entwurfs einer Parallelwelt.
Der Kreis ist ein weiteres Bildkürzel. Nach dem Faktor „der guten Gestalt” setzt er als geschlossene und „einfache” Form einen sehr dominanten Akzent im Bild. Sehr häufig assoziieren wir damit die Sonne, daneben eine Sichelform, ebenfalls aus dem Kreis generiert, der Mond. Beide „Sehdinge” werden in erster Linie als kompositorische Elemente eingesetzt, gleichwohl regen sie an, kosmologisch zu interpretieren, evtl. eine „Weltenlandschaft” anheimzulegen.
Ein wichtiger kompositorischer Faktor ist die den Farbraum durchschneidende, frei in ihn eindringende expressive Linie, die sich als Kraftlinie, als sog. Vektor, kantig, knittrig, krakelartig voranschiebt und die Dynamik des Farbraumes mit seinen Chiffren in Aufruhr bringt. Die Linie als Ausdrucksfaktor unterstreicht die Dramatik des Geschehens.

In seiner Frühzeit war Ak von dem Zwiespalt geplagt, sich entscheiden zu müssen, ob er sich der Malerei oder der Bildhauerei widmen würde. Vor vielen Jahren nahm Ak an Performances teil, bezog seinen eigenen Körper in die Kunst ein. Dabei spielte die Ölfarbe als ein Mittel zur Darstellung eine wesentliche Rolle. Ein weiteres Charakteristikum von Performances ist es, dass sie an den Ablauf der Zeit gebunden ist – sozusagen als eine Handlung in der Zeit.
In Bildern steht bei dynamischer Betrachtung die Zeit ebenfalls nicht still. Ein Bild ist kein stehendes Kunstwerk. Alles verändert sich darin „von etwas her zu etwas hin”. So evoziert der Künstler durch den vektoralen Einsatz der Linie und durch farbliche Übergangswerte zwischen den primären Farbpolen Gelb, Rot und Blau einen zeitenden Handlungsaufbau.

Ein Teil der Serie „Lost leaves” bewegt sich in Abstufungen der Farbe Braun: Sand, Rost, Eisen. Darüber hinaus gibt es aber auch Gemälde und Graphiken, die aus Rot- und Orangetönen aufgebaut sind und welche, die sich eher aus Blau- (preussischblau) und Grüntönen zusammensetzen.
In Aks Gemälden werden verkrustete Farbschichten zu Kratern aufgeworfen, die sich materiell von der Leinwand abheben. Andererseits werden tiefere Farbschichten durch Kratzer und Abschabungen freigelegt. Die Graphiken haben eine feinkörnige, staubige Oberfläche, die durch den Einsatz von Kohle und aufgespritzter Farbe zustande kommt. Ak lässt die Farbe in Schlieren die Leinwand bzw. das Papier hinunterlaufen, Farbschlieren, Wasserschlieren und Wassertropfen. Dadurch wirken die Arbeiten haptisch, taktil, mit den Sinnen erfahrbar.
Anatole Ak arbeitet mit plastischen Werten. Die Farbe auf der Leinwand ist für ihn etwas sinnlich Formbares, das dazu gebracht werden kann, dynamisch zurückzuweichen oder nach vor zu dringen und auf jeden Fall taktil spürbar ist.
Die großformatigen Leinwände umschließen den Betrachter. Sie bilden ein Ambiente für den Rezipienten aus, das ihn völlig umgibt. Durch die enorme Größe und ihre textile Oberflächenstruktur gewinnen die Arbeiten viel vom dreidimensionalen Charakter zurück. In diesem Fall ist es unser Körper, der in Relation zur Malerei gesetzt wird, nicht wie bei den Performances der Körper des Künstlers selbst.
Dieser Kippeffekt zwischen Malerei und dreidimensionalem Gestalten ist ein grundlegender Wesenszug in den Werken Anatole Aks.
Wenn wir in der Betrachtung seiner Arbeiten in der Materialität verhaftet bleiben, sehen wir jedoch das Wesentliche nicht. Das Wesentliche ist das sog. „Scheinen der Idee” - der inhaltliche Mehrwert, der ikonologische Gehalt eines Kunstwerks, die künstlerische Aussage. Philosophen machen sich auf die Suche nach der Wahrheit. Die Wahrheit ist das Licht. Bei Platon ist das Schöne das „Leuchtende des Seienden” . Wonach suchen Künstler? Wonach sucht Anatole Ak in seinen Bildern?
Begeben wir uns auf die Suche. Folgen wir zunächst den Spuren Paul Klees an den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.

Paul Klee unternahm 1914 eine Tunesienreise zusammen mit August Macke und Louis Moillet und eine Ägyptenreise um die Jahreswende 1928/29. Diese Entdeckungsfahrten beeinflussten sein künstlerisches Schaffen nachhaltig. Eine Auseinandersetzung mit den ägyptischen Hieroglypen führte zu einer Weiterentwicklung seiner Bildsprache, wonach das Zeichen zugleich Schriftelement und dinglicher Gegenstand sein kann. Das Zeichen weist weit über den Gegenstand hinaus. Es handelt sich dabei um formale Ausdrucksmöglichkeiten, die inhaltlich das tragende Element der Komposition darstellen können.
Ähnlich aber doch anders vollzog auch Anatole Ak in diesem Jahr eine Reise nach Afrika – allerdings nur gedanklich. Während seine Frau in die Wüste reiste, imaginierte Ak in seiner künstlerischen Serie diese Reise – sozusagen als geistige Reise an einen fernen Ort.
Ebenso wie bei Klee kann man auch bei Ak nicht von einer Romantisierung der Landschaftsdarstellungen sprechen, sondern wohl eher von einer „ ,Chtonisierung’.
Chtonische Mythen stellen die Natur als mächtig und kreativ dar, ebenso wie die romantischen Märchen, doch sie widmen sich auch der dunklen, rätselhaften, mystischen und manchmal auch zerstörerischen Seite der Natur, die nur selten im Märchen angesprochen wird.”
Anatole Ak verwendet transparente Zeichen der Einheit von Mensch, Natur und Kosmos – wie Hieroglyphen -, um seiner Suche nach Wahrheit und Erkenntnis einen Schritt näher zu rücken.
Bauminseln werden uns gewahr. Augen, die alles überwachen, Augentierchen, die in graue Vorzeiten zurückweisen. Die Augentierchen und die Sonnen, die einen sehen, die anderen ermöglichen es zu sehen. Das mikroskopisch Kleine und das scheinbar unendlich Große – Mikrokosmos und Makrokosmos in einer metaphysischen Einheit. Die Bäume und das Weltenmeer. Die Dynamik der Formen, die die geballte Energie, die explosive Spannung, den Schöpfermythos immer wieder anheimlegen.
„Jeder Mensch ist ein Mikrokosmos oder, besser gesagt, eine Welt en miniature, da sich in seiner Struktur (sowohl der anatomischen als auch der psychischen) im Kleinen die des Universums wiederholt. Umgekehrt sind die Erde, die Sterne, die Planeten und der ganze Kosmos in ihrer Gesamtheit dem Menschen ähnlich, sie sind große Tiere, lebendig und sowohl mit einer Seele als auch mit Organen und Gliedmaßen ausgestattet.”
Diese Theorie der Gleichheit zwischen Mensch und Universum, bzw. zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, ist eine sehr alte Lehre, die man in fast denselben Termini in den unterschiedlichsten Kulturen wiederfinden kann.
Die Sehnsucht nach dem Mythos ist eine Suche des Menschen nach dem Verständnis seiner selbst und gleichwohl eine Sehnsucht die Welt aus ihren Ursprüngen heraus zu begreifen. Platon verteidigte den Mythos, weil dieser die Möglichkeit bot, das „Unsagbare zu sagen” und auch Giambattista Vico erkannte 1730 im Mythos eine „ursprünglich poetische Weisheit”, „die Fähigkeit der frühen Menschen, die Fantasie für die Erklärung der Natur zu nutzen.”
Immer jedoch sind wir Betrachter dazu aufgerufen, unseren eigenen Erfahrungshorizont in die Bilder hineinzulegen, mit dem empirischen Wissen, das unsere Individualiät ausmacht an die Kunst heranzugehen, denn „Der Sinn eines Werks beruht auf der möglichen Mitarbeit des Betrachters. Wer ohne innere Bilder lebt, ohne Imagination und ohne Sensibilität, die man braucht, um im eigenen Inneren Gedanken zu assoziieren, wird gar nichts sehen.” (I Ging, Buch der Wandlungen).
Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Auseinandersetzung mit den Kunstwerken des Anatole Ak und wünsche der Ausstellung in der Galerie Pehböck viel Erfolg.