Anselm Glück

„Anselm Glück ist geradlinig, bescheiden, ohne Allüren, von sympathischer Korrektheit. Das macht ihn als Gesprächspartner wertvoll und als künstlerischen Zeitzeugen, der zwischen den Generationen vermittelt, signifikant. Auge und Strich sind gleichermaßen präzise wie schnell. Voller Subjektivität und Verve wird einer skurrilen Gesellschaft Stück um Stück relevanter Beobachtung entrissen und an anderer Stelle als Anstoß möglicher Erkenntnis wieder eingefügt.

Die Art seines von der Zeichnung bestimmten künstlerischen Handelns hat etwas vom rasenden Reporter, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Anselm Glück weiß um die Relativitäten und Flüchtigkeiten des Lebens, gegenüber denen seine Niederschriften in Bild und Wort Bestand haben. Die Schnelligkeit dieser Reflexionen über Menschen und Menschsein, oftmals an den Nahtstellen zwischen Traum und Wirklichkeit verankert, basiert auf einem inzwischen jahrzehntelangen Exerzitium im Bildnerischen. In ihm hält Glück virulent und fortschreitend effektiv die Balance zwischen Kopf- und Handarbeit, zwischen Zeichnung und Malerei.”

„[] Wenn Glück zeichnet und malt, erzählt er nicht. Der Literat tritt hier völlig zu Recht zugunsten der Autonomie des Bildnerischen und seiner Gesetzmäßigkeit zurück. Zwischen Tragik und Komik wird eine emotionale Spannweite spürbar, die berührt und in großer Vielfalt Emotionen wachrüttelt. Der Glossator mit Punch verfügt über eine lyrische Pranke. Mit Zuneigung für die Relativitäten des Lebens blickt er hinter die Kulissen.”
aus: Peter Baum: „Glossator mit Punch. Anselm Glück und seine Bilder über die Ambivalenz des Lebens.”

(Parnass, 3/1999, S. 102 - 106)


„Anselm Glück nennt sich und verwandte Seelen gelegentlich Agenten. Er empfindet sich also als jemand, der im Auftrag einer fremden Macht für eine meist komplizierte Angelegenheit unterwegs ist. Agenten führen verdeckte Aktionen durch, täuschen, bluffen, spielen mit dem Feuer, haben tausend Gesichter und hundert Nationalitäten. Sie müssen „Alleskönner” sein und im Falle der Gefangennahme glaubwürdige „Nichts-wisser”. Zu ihrer Grundausbildung zählen das Erlernen von Geheimschriften ebenso wie Kampfarten der wirksameren Natur.
Der mittelgroße, schmächtige Anselm Glück mit dem schönen Gesicht, das an den grenzgängerischen Zauberer Artaud erinnert, ist die ideale Besetzung für eine solche Figur, die man stets nur als Spitze eines Eisberges wahrnimmt. Nichts an ihm verrät die eigentliche Abenteuerexistenz, außer sein Blick, der stets souverän das Gegenüber und die Umgebung im Griff hält. Glück ist ein Augenereignis im mehrfachen Sinn dieses Begriffs und ich muss zugeben, dass er und seine Kunsttaten mich seit unserer ersten Begegnung faszinieren. Herrn Anselm geht es selten gut. Er hat wie die meisten fähigen Agenten keinen Pakt mit dem Frohsein. Und doch ist er in den raren hellen Stunden willens, einen verflixten Kerl abzugeben. Dann verteilt er an seine Zuhörer großzügig Witz und Aberwitz, lässt sie nobel im Unklaren über das Ausmaß der gnadenlosen Präzision seiner Charakteranalysen in Bezug auf sich und andere, erweist sich als der wahrscheinlich einzige in Wien ansässige Mensch, der in den vergangen 10 Jahren jede Nummer des New Yorker gelesen hat, gönnt sich Kaschmirsakkos und die Nähe flirrender Damen. In solchen Augenblicken erhebt er sich, streckt sich, dehnt sich in ein wunderbares Lachen, um wenig später wieder in sich zusammenzustürzen und nichts mehr ertragen zu können (oder zu dürfen) als tagelanges U-Bahn-Fahren von Ziellosigkeit zu Ziellosigkeit.
Anselm Glück ist zweifellos ein Sonderfall und der scheinbaren Freundlichkeit seiner Gemälde sollte man nicht auf den Leim gehen. Es sind doppel- und dreifachbödige Werke von hohem Rang, Überlagerungen von Dramen und Tragikkomödien. Nicht weniger sind sie codierte Botschaften und Planzeichnungen eines Meisteragenten, dessen Auftrag ich zwar dank der unverzeihlichen Indiskretion eines V-Mannes seit längerem kenne, aber mich in diesem Text nicht der gleichen Sünde des Aufdeckens schuldig machen will.

(André Heller über Anselm Glück, Paris am 25.02.2002)


„Wegdecken, abdecken, zudecken und aufdecken ist dabei jene Bildstrategie, die nicht nur seine Malweise treffend beschreibt, sondern sein künstlerisches Selbstverständnis schlechthin. Die kunst-historische Basis dafür ist in der absurden Bilderwelt eines Hieronymus Bosch ebenso zu finden wie im Expressionismus, in der Art Brut, der so genannten Outsider Art oder im Surrealismus. Aber die Werke von Glück erzählen uns von der Gegenwart seiner Träume, Obsessionen und Phantasmen; sie berichten uns von seinem Wunder der Weltschöpfung. Jedes seiner Bilder ist daher auch Weltbild, Wille und Vorstellung von möglichem Dasein als ein Anderssein, wie überhaupt das Andere, Fremde als Eigenes in uns seinen Bilderkosmos definiert.”

„[] „ fast wär ich nicht” benennt er ein Bild und ein anderes Mal heißt es: „märchen (von der vertriebenen zeit)”. Beide Titel spannen damit den Bogen zu jenem magischen und damit paradiesischen Moment, wo das Subjekt (also das ich) sich als zeitlos, als aufgehobene Zeit und damit als unvergänglich zu empfinden beginnt. Und ist dies nicht in seinen Bildern das so genannte Archaiische, das Freudsche Unbewusste, welches sich durch Zeitlosigkeit definiert? Hier können wir neue Blicke auf seine Malerei entwickeln, insoferne er uns immer wieder in den Zustand einer Kindheit versetzt mit jenen Glücksmomenten, die dadurch entstehen können, weil sie uns zeitlos werden lassen. „glück verschönert das betrachten”, meinte Anselm Glück einmal wunderbar doppelbödig.”

„[] Sehen, Betrachten, Anschauen sind dabei Schlüsselbegriffe des Welt- und Bildverständnisses, das uns der Künstler immer wieder zu vermitteln versucht. Seine Werke sind damit Blickgedichte als Glücksgedichte, die uns von seinem Staunen angesichts der Erscheinung der Welt berichten und uns in ferne Kontinente entführen, die uns wiederum in ein Erstaunen darüber versetzen, wie ferne und wie fremd wir uns selber immer wieder werden und sind...”

(Auszüge aus: Carl Aigner: „Anselm Glück. Der Künstler als Genetiker Fragmente zu neuen Arbeiten von Anselm Glück.” )